Corno da Tirarsi



Johann Sebastian Bach begann am 30. Mai 1723 mit seinem Dienstantritt in Leipzig mit der wöchentlichen Aufführung von eigenen Kantaten. Sie enthalten viele Partien für ein solistisches Corno (Horn) bzw. Tromba (Trompete), in denen er naturtonfremde Töne verlangt, die bisher als unspielbar galten.

Bach persönlich hat sechs Solo-Stimmen dieser Art für Corno und Tromba zusätzlich mit dem Begriff „da Tirarsi“ (italienisch: zum ziehen) bezeichnet – und knapp 45 weitere Stimmen zwischen 1723 – 1731 komponiert und aufgeführt, die diese Töne enthalten, in den Chorälen den Sopran verdoppeln und klingend (= nicht transponierend) notiert sind oder als obligate Solo-Partie stimmend notiert sind, aber nicht zusätzlich (schriftlich) markiert.

Seit vielen Jahrzehneten streitet die Fachwelt und Leien über dieses Thema – es fehlen allerdings letzte, ultimative Beweise: erhaltene Instrumente, Abbildungen oder unmissverständliche Beschreibungen.

Es gibt aber eine eindrückliche Indizienkette über alle in Betracht kommenden Kantaten hinweg, die offenbar für die Kreuzung eines kurzen Posaunenzugs mit dem Corno (Horn) und der Tromba (Trompete) spricht; einer technischen Lösung, die offenbar ausschließlich vom Stadtpfeiffersenior Gottfried Reiche ausgeführt wurde. Die Anwendung dieser Hypothese in der Praxis, während Konzerten und Aufnahmen, die Resonanz der Kollegen: alle diese Aspekte in ihrer Gesamtheit sprechen für diese bequeme technische Lösung, die mindestens genau so plausibel ist, wie heutzutage die Nutzung der unhistorischen Grifflöcher.

Diese Internetseiten haben also die erstaunlich vielen Solo-Stimmen für Corno und Tromba in Bachs Leipziger Kantaten zum Inhalt, welche zusätzliche naturtonfremde Töne enthalten, den oben kursiv erwähnten Kriterien entsprechen und deshalb zu den Tirarsi-Kantaten gezählt werden können.
Es geht um die Pflege (die weltweit nur von sehr wenigen Kolleginnen und Kollegen ausgeübt wird) der Tirarsi-Partien für Corno und Tromba, die in den nachfolgenden Kantaten zu finden ist: Bachwerke-Verzeichnis (BWV) Nr. 3, 5, 8, 10, 12, 16, 20, 23*, 24, 27, 40, 43, 46, 48, 51 (?), 62, 67, 68, 70, 73, 74, 75, 76, 77, 89, 90, 95, 96, 99, 103, 105, 107, 109, 110, 114, 115, 116, 124, 125, 126, 127, 136, 137, 140, 147, 162, 167 und 178.

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Oben: Stimme für „Tromba o Corno da Tirarsi“ der Kantate „Schauet doch und sehet“, BWV 46, Chor Nr.1 vom 1. August 1723 – eigenhändig aufgeschrieben von Johann Sebastian Bach.
UNSPIELBAR ?

Originale Stimme, aus denen die Musiker spielten – Kantate „Schauet doch und sehet“, BWV 46, vom 1.8.1723.
Arie Nr. 3 „Dein Wetter zog“ für Bass, Tromba o Corno da Tirarsi“, zwei Violinen, Viola und Continuo (sowie der Choral Nr.6.)

Die besten heutigen Hornisten (und Trompeter) der sogenannten „Historisch informierten Aufführungspraxis“ benennen diese sehr speziellen, extrem virtuosen Partien in Arien oder Chören (z.B. BWV 24/3, 46/3, 77/5, 95/1, 105/1, 109) ohne Nutzung der moderen (unhistorischen) Grifflöcher als „unspielbar“.

Die geniale wie einfache Lösung von Gottfried Reiche bestand vermutlich in der Übertragung der bewährten Posaunentechnik mit U-Förmigen Doppelzug (die er als Stadtpfeiffer von Grund auf gelernt hat) auf Horn und Trompete.



* Es gibt Hinweise, dass bereits die „Clarino“-Stimme der Frühfassung der Kantate BWV 23 zur Bewerbung Bachs am 7. Februar 1723 ev. eine Tirarsi-Partie gewesen sein könnte.