Corno da Tirarsi



Zu den „Achtausendern“ der barocken Horn- und Trompetenliteratur gehören die gesicherten und mutmaßlichen „da Tirarsi“-Stimmen in den Leipziger Kantaten Johann Sebastian Bachs (1685 – 1750).

Mit seinem Dienstantritt in Leipzig am 30. Mai 1723 realisierte Bach die Produktion von mindestens drei eigenen Kantatenjahrgängen, die viele dieser solistische Partien für „Corno“ (Horn), „Tromba“ (Trompete) und „Clarino“ enthalten, in denen er zusätzliche naturtonfremde Töne verlangte, die mit einer herkömmlichen barocken Langtrompete oder einem seinerzeit gebräuchlichen Horn offenbar nicht dargestellt werden konnten.

Die Kernfrage der Tirarsi-Debatte handelt davon, mit welchen technischen Mitteln diese zusätzlichen Töne gespielt wurden. Anders gesagt: es geht um die in Bachs Leipziger Kantaten spektakulär aufgebrochene „Tonarmut“ von Horn und Trompete.

Voraussetzung für die nachfolgenden Überlegungen ist, dass das sogenannte „Treiben“ der unreinen bzw. vor allem der zusätzlichen Töne – insbesondere in den besonders komplizierten Tirarsi-Partien BWV 24, 46, 67, 68, 70, 77, 96, 105, 109, 162 usw. – nicht befriedigt(e). In unseren Augen war die Tirarsi-Kunst die alternative individuelle Lösung von Bachs Stadtpfeiffersenior Gottfried Reiche in Zusammenarbeit mit Bach, die dann 100 Jahre später mit Erfindung der Ventile auf gänzlich anderem Niveau quasi massentauglich wurde.

Bach persönlich hat jedenfalls sechs Solo-Stimmen für Corno und Tromba mit dem zusätzlichen Begriff „da Tirarsi“ (italienisch: zum ziehen) bezeichnet. Er komponierte ca. 45 weitere Solostimmen zwischen 1723 – 1731, die von identischen Kriterien gekennzeichnet sind: sie enthalten zusätzliche naturtonfremde Töne, die in den Chorälen den Sopran verdoppeln und klingend (= nicht transponierend) notiert bzw. als obligate Solo-Partie stimmend notiert sind (aber nicht zusätzlich schriftlich markiert wurden).

Auch Johann Kuhnau (1660-1722), Bachs Vorgänger im Amt, hat in seinen lediglich ca. 30 erhaltenen (von gesamt vermutlich bis zu 2000!) „Kirchenstücken“ immerhin zwei Tromba-Partien mit Tirarsi-Tönen hinterlassen und von denen sogar die Kantate „Gott, der Vater, wohn uns bei“ mit „Tromba da Tirarsi“ besetzt wurde.
Johann Kuhnau gibt uns zudem als Autor seines Buches „Der musicalische Quack-Salber einen hoch interessanten Hinweis: „… mit einer Trompete wolte imitieret haben /… / … und wo sich … nach jetziger Invention eingerichtet ist / daß sie sich nach Art der Trombon ziehen lässt…“  (siehe Johann Kuhnau: „Der musicalische Quack-Salber„, Dresden, 1700, S.82 f.).

Diese Aussage, anatomische Überlegungen, die Erfahrungen der Praxis und eine eindrückliche Indizienkette entlang der originalen Aufführungsmaterialien sprechen für die Kreuzung eines kurzen Posaunenzug-Adapters mit dem Corno (Horn) und der Tromba (Trompete); eine technische Lösung, die offenbar ausschließlich vom Stadtpfeiffersenior Gottfried Reiche (1667 – 1734) ausgeführt wurde.


Es geht um die Pflege der solistischen Tirarsi-Partien für Corno und Tromba, die in den nachfolgenden Leipziger Bach-Kantaten zu finden ist: Bachwerke-Verzeichnis (BWV) Nr. 3, 5, 8, 10, 12, 16, 20, 23*, 24, 27, 40, 43, 46, 48, 51 (?), 62, 67, 68, 70, 73, 74, 75, 76, 77, 89, 90, 95, 96, 99, 103, 105, 107, 109, 110, 114, 115, 116, 124, 125, 126, 127, 136, 137, 140, 147, 148 (?), 162, 167, 178, 185 und sogar der Cantus firmus im Terzetto Nr.10 „Suscepit Israel“ der ersten Fassung des Magnificat, BWV 243a; sowie der Kuhnau-Kantaten „Lobet, ihr Himmel, den Herren“ und „Gott, der Vater, wohn uns bei“.


Forschungsaufgabe für die Zukunft wäre es, in Archiven und Bibliotheken (Stichwort „Beutekunst“) möglicherweise weitere Kuhnau-Kantaten mit darin enthaltenen Tirarsi-Partien zu identifizieren – denn 1999 fand Christoph Wolff in Kiew einige Ripieno-Stimmen von Bachs Bewerbungskantate BWV 23 vom 7.2.1723, dessen ebenfalls wiederaufgetauchte „Clarino“-Stimme viele naturtonfremde Töne enthält, was darauf hinweist, dass die Tirarsi-Kunst schon vor Bach auf einem außerordentlichen Niveau gewesen sein muß.




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Oben: Stimme für „Tromba o Corno da Tirarsi“ der Kantate „Schauet doch und sehet“, BWV 46, Chor Nr.1 vom 1. August 1723 – eigenhändig aufgeschrieben von Johann Sebastian Bach.
UNSPIELBAR ?

Originale Stimme, aus denen die Musiker spielten – Kantate „Schauet doch und sehet“, BWV 46, vom 1.8.1723.
Arie Nr. 3 „Dein Wetter zog“ für Bass, Tromba o Corno da Tirarsi“, zwei Violinen, Viola und Continuo (sowie der Choral Nr.6.)

Die besten heutigen Hornisten (und Trompeter) der sogenannten „Historisch informierten Aufführungspraxis“ benennen diese sehr speziellen, extrem virtuosen Partien in Arien oder Chören (z.B. BWV 24/3, 46/3, 77/5, 95/1, 105/1, 109) ohne Nutzung der moderen (unhistorischen) Grifflöcher als „unspielbar“.

Die geniale wie einfache Lösung von Gottfried Reiche bestand vermutlich in der Übertragung der bewährten Posaunentechnik mit U-Förmigen Doppelzug (die er als Stadtpfeiffer von Grund auf gelernt hat) auf Horn und Trompete.




Oben: Es deutet daraufhin, dass bereits die „Clarino“-Stimme der Frühfassung der Kantate „Du wahrer Gott und Davids Sohn“, BWV 23, zur Bewerbung Bachs am 7. Februar 1723 ev. eine Tirarsi-Partie gewesen sein könnte.
1999 fand der renommierte Bachforscher Christoph Wolff in Kiew einige Ripieno-Stimmen von Bachs Bewerbungskantate BWV 23 vom 7.2.1723, dessen ebenfalls wiederaufgetauchte „Clarino“-Stimme viele naturtonfremde Töne enthält, was die berechtigte Frage aufwirft, ob sie ein Zeugnis der im Frührjahr 1723 seit langem in hoher Blüte stehenden Tirarsi-Kunst des Leipziger Stadtfreiferseniors Gottfried Reiche ist; ob die Geschichte der Tirarsi-Instrumente nicht mit Bachs Dienstantritt 1723 sondern womöglich wesentlich früher beginnt.

Oben: Partiturabschift von ca. 1740-60 (Sammlung Poelchau) der Kantate „Gott, der Vater, wohn uns bei“ von Johann Kuhnau (1660 – 1722) mit Stimmenbezeichnung „Obboe ov Tromba da Tirarsi“.