Instrumente

Auf Grund der Rohrlänge ist beim Zughorn nur an einen Doppelzug zu denken
Herbert Heyde: „Instrumentenkundliches über Horn und Trompete bei Johann Sebastian Bach“ in Johann Sebastian Bachs historischer Ort , Bach Studien 10, Breitkopf und Härtel Musikverlag, Wiesbaden, 1991, S. 261.

Das obere Foto zeigt den Vergleich zwischen EINZEL- und DOPPELZUG sowie deren Verhältnis zu einem Hornkorpus.

Mit einem EINZELZUG (rechts) ist es nicht möglich die nötige Vertiefung um die von Bach geforderten max. drei Halbtöne zu realisieren.
Die Armlänge reicht nicht aus.

Mit einem DOPPELZUG (links) ist es kein Problem.
Foto oben: Das obere Horn-Instrument zeigt meine Version eines „Corno da Tirarsi“ (in B = 415 Hertz) mit DOPPELZUG zur Vertiefung der Naturtöne um bis zu drei Halbtöne sowie zur Korrektur der „schiefen“ Naturtöne Nr.7, 11, 13 und 14.

Die Grundstimmung in B (415 Hertz) scheint – so zeigen es die Erfahrungen – möglicherweise für die meisten erhaltenen Tirarsi-Partien für Corno mit einem oder zwei „B“-Vorzeichen die ideale und gewollte Grundstimmung gewesen zu sein. Es wird in diesem Fall um einen Ganzton nach oben transponiert.

Um einen halben Ton nach A = 415 Hertz vertieft ist es ideal nutzbar z.B. für BWV 3, 8, 67, 107, 116, 124 und 136.

Foto oben: das untere Trompeten-Instrument zeigt meine Version einer „Tromba da Tirarsi “ in D (415 Hertz) mit kurzem DOPPELZUG zur Vertiefung der Naturtöne um bis zu zwei Halbtöne zur Aufführung der Kantaten BWV 69a, 103, 110 oder 126.
Foto oben: Das obere Horn-Instrument als Variante eines „Corno da Tirarsi“ in C = 415 Hertz) mit kurzem DOPPELZUG, verwendbar zur Vertiefung der Naturtöne um bis zu zwei Halbtöne z.B. in BWV 16, 62, 65 oder 178.

Foto oben, unteres Instrument: meine Version einer „Tromba da Tirarsi “ (in C = 415 Hertz) mit einem DOPPELZUG zur Vertiefung aller Naturtöne um bis zu drei Halbtöne – geeignet insbesondere zur Aufführung fast aller Kantaten mit naturtonfremden Tönen für Tromba wie z.B. BWV 20, 70, 75, 76, 77 oder 147. Vertieft um einen Ganzton nach B (= 415 Hertz) und ist die Tromba als Tirarsi-Instrument ideal nutzbar z.B. für BWV 5, 24, 46, 48, 90 oder 185.
Ausschnitt einer Figuralaufführung in Leipzig, 1710 – ca. 13 Jahre vor Dienstantritt von Johannn Sebastian Bach. Der abgebildete Hornist ist mutmaßlich Gottfried Reiche. Er hält das Schallstück seines gewundenen Horns nach oben. Möglicherweise war diese Haltung des Instrumentes auch die Handhabung für das Corno da Tirarsi.
Die obere Abbildung aus dem Jahr 1710 stützt die Hypothese zur Haltung des Corno da Tirarsi mit Schalltricher nach oben.

Der Gebrauch der zu damaligen Zeit noch relativ neuen Hörner war noch nicht unseren heutigen Normen unterworfen. Das Horn wird nach oben gehalten – nicht nach hinten oder seitlich, wie es nach 1750 überall üblich wurde. Auch die klangliche Differenzierung zwischen Trompete und Horn war in den 20-er Jahren des 18. Jahrhundert längst noch nicht genormt. Das vergleichweise „dunkel“ klingende Waldhorn und der Unterschied zur heller klingenden Trompete war noch nicht manifestiert wie später, was sich auch in differenzierten Schallstückgrößen, verschiedenen Instrumententypen oder in der Nutzung unterschiedlicher Mundstückformen zeigte.
Foto oben: Jagd-Waldhörner, Friedrich Ehe (1669 – 1743), Nürnberg, 18. Jahrhundert. Privatbesitz.

Meine Version eines rekonstruierten Corno da Tirarsi basiert auf der Annahme, dass sich bei Bach ein Corno sich von einer Tromba klanglich unerscheidet. Diese Grundannahme folgt also eher der Figuralabbildung von 1710 mit eideutiger „Horn-Optik“ anstatt dem auf dem Portait Gottfried Reiches von 1727, welches vermutlich eher eine gewundene, zylindrische Trompete zeigt.

Die Ehe-Instrumente mit originaler Mundstückaufnahme für Trompetenmundstücke sind die Vorlage für meine Version eines Corno da Tirarsi, dessen Hornkorkorpus von Stephan Katte, Weimar, im Jahr 2018 in historischer Handwerkstechnik nachgebaut und mit einem Doppelzug kombiniert wurde, der von der Firma EGGER in Basel im Jahr 2019 hergestellt wurde.
Fotos oben: Die Haltung meines von Stephan Katte 2018 in Weimar gebauten Hornes – hier mit Zugteil als „Corno da Tirarsi“ – folgt der Abbilung der Leipziger Figuralmusik von 1710 (siehe oben).
Möglich ist eine weitere Haltungs-Option: das Corno da Tirarsi (z.B. zur Aufführung von BWV 65) wird wie ein „normales“ Barockhorn mit seitlich abstrahlendem Schalltrichter gehalten. In diesem Fall wird das Zugteil mit der linken Hand gezogen.
Das Foto oben ist in der Werkstatt von Stephan Katte, Weimar, im Jahr 2018 aufgenommen worden. Zu sehen ist der Rohling des späteren Schallstückrohrs meines „Corno da Tirarsi“ (Stephan Katte nennt das Instrument ohne Doppelzug „Tromba da caccia“). Der noch tütenfirmige Schalltrichter samt Rohr wird hier soeben verlötet. Anschließend wurde das Schallstück erneut erhitzt und über einem eisernen Dorn in traditioneller Handwerkstechnik ausgehämmert und in Form gebracht.

Die Firma EGGER (Basel) hat in Zusammenarbeit mit Olivier Picon und Gerd Friedel eine Version des Corno das Tirarsi entwickelt, dessen Grundkorpus tendetiell auf dem Instrument von Gottfried Reiche basiert, welches auf dem bekannten Gemälde von 1727 zu sehen ist.

Die Firma Norbert Neubauer (Nürnberg) bietet eine weitere Version eines Corno da Tirarsi an.