
Nachstich des Öl-Portraits von Gottlieb Elias Haußmann.
Leipzig, Universitätsbibliothek Leipzig, Porträtstichsammlung, Inventar-Nr. 41/149.
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Während der ersten 11 Leipziger Dienstjahre Johann Sebastian Bachs war Gottfried Reiche (1667–1734) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit derjenige Ratsmusiker, der die ersten Stimmen für Trompete und Horn aufführte.
Eine Generation älter als Bach, wurde der Sohn eines Schusters in seiner Geburtsstadt Weißenfels als Stadtpfeifer ausgebildet. Weißenfels, von 1680 – 1746 Sitz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, war in dieser Zeit eine der wichtigsten europäischen Hochburgen des barocken Trompetenspiels. Bachs Schwiegervater, der fürstliche Hof- und Feldtrompeter Johann Kaspar Wilke (gestorben von 1723), wirkte beispielsweise dort. Dass Reiche davon nicht beeinflußt wurde, kann ausgeschlossen werden.
Gottfried Reiche spielte in Leipzig als Ratsmusiker Horn, Trompete, Zink, Posaune und höchstwahrscheinlich auch Violine. Es ist davon auszugehen, dass er als ausgebildeter Stadtpfeifer die Posaunentechnik beherrschte und auch dieses Instrument in den Aufführungen spielte (wofür u.a. auch das gemeinsame Stimmblatt für „Trombona“ und „Corno“ der Kantate „Ach Gott, wie manches Herzeleid“ BWV 3 vom 14. Januar 1725 spricht).
Seit 1688 in Leipzig, war Reiche schon als junger Berufsanfänger hoch geachtet. 1691 verfügte er bereits über ein so großes Ansehen, dass er ein Extrahonorar erhielt „so bißhero in beyden Kirchen hiesigen Orthes sich zum Clarin oder Trompetten gebrauchen lassen“. Auch 1694, als während der Landestrauer öffentliches und privates Musizieren verboten war, bekam er als einziger seiner Kollegen gesonderte Zuwendungen „damit er nicht außer Diensten gehen möge“. Im Verlauf seiner jahrzehntelangen Dienstzeit in Leipzig durchlief er alle Stufen eines Ratsmusikers: „Stadtpfeifergeselle“ seit 1688, „Kunstgeiger“ im Jahr 1700, ab 1706 „Stadtpfeiffer“ und schließlich 1719 „Stadtpfeifersenior“. Am Ende seines Lebens hinterließ er eine Posaune und ein Horn.
Gottfried Reiche hatte jedenfalls, wie oben bereits erwähnt, während seiner Ausbildung zum Stadtpfeifer in Weißenfels üblicherweise auch die Zugtechnik der Posaune erlernt und verfügte damit – neben seinem herausragenden Können als hoher Blechbläser – beste Voraussetzungen für die Nutzung der mutmaßlichen Tirarsi-Instrumente.
TIRARSI-PARTIEN – FÜR GOTTFRIED REICHE
Reiche spielte in Bachs ersten 11 Leipziger Dienstjahren in Leipzig nicht nur am ersten Pult der in bzw. für Leipzig entstandenen Kantaten, sondern auch die Es-Dur-Fassung des Magnificat (BWV 243a), außerdem die weltlichen Parodievorlagen für das spätere Weihnachtoratorium (BWV 248), Osteroratorium (BWV 249), Himmelfahrtsoratorium (BWV 11 – die Noten des Eingangschores dienten 1732 als Auftakt für die Festmusik zur Einweihung des erweiterten Thomasschulgebäudes – und mutmaßlich auch eine Leipziger Probeaufführung der für die Dresdner Hofkapelle 1733 komponierten „Missa in h“, die dann Bach an seinem Lebensende (lange nach Reiches Tod) in die „h-moll-Messe“, BWV 232, übernahm.
Für die Tirarsi-Untersuchnungen im Zusammenhang mit Gottfried Reiche ist bedeutend, dass Bach einigen seiner Kantaten aus Weimar und Köthen für Wiederaufführungen erst in Leipzig offenbar für Gottfried Reiche solistische Tirarsi-Stimmen hingefügte (BWV 12, 70, 147, 162, 185 und vermutlich BWV 89). Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass Bach nach Reiches Tod keine solistischen Tirarsi-Stücke mehr komponierte. BWV 14 aus dem Jahr 1735, die einzige Kantate nach Reiches Tod mit einer solistischen Stimme für Corno und Tromba, enthält keine Tirarsi-Töne. Und auch die im Parodieverfahren nach Oktober 1734 wiederverwendeten Werke (siehe oben) sind frei von Tirarsi-Partien.
Zudem zeigen die Eintragungen in den originalen Manuskripten für Wiederaufführungen nach Reiches Tod der Kantaten BWV 89, 96, 137 und der Erstfassung des Magnificat (BWV 234), dass die ursprünglichen Tirarsi-Stimmen dieser Werke notgedrungen weggelassen wurden (BWV 8) oder zur Oboe (BWV 10, 235), zur Orgel (BWV 27 und 73) und zur Posaune wanderten (BWV 96) oder durch Stimmen ohne zusätzliche Töne (BWV 69a) ersetzt wurden. Auch die Umarbeitung des ersten Teils des Eingangschores von BWV 46 als Qui tollis peccata mundides Gloria seiner Missa von 1733 für die Dresdner Hofkapelle, die später in seine h-moll-Messe einging, erfolgte ohne ein Tirarsi-Instrument. Auch bei Wiederaufführungen bzw. Umarbeitungen von Kantaten des Vaters durch W.F. Bach wurden konsequent Tirarsi-Partien vermieden (BWV 51) bzw. die entsprechenden Tirarsi-Partien umarangiert: BWV 19, als C.P.E.Bach bei einer Wiederaufführung um 1770 in Hamburg die tirarsi-„verdächtige“ Tromba-Stimme der Arie Nr. 5 rausstrich. Alle Befunde deuten darauf hin, dass an keinen anderen Orten als in Leipzig und für keine andere Person als für Gottfried Reiche Tirarsi-Partien komponiert wurden. Mit Reiches Tod war die Tirarsi-Kunst erloschen.
Reiches Fähigkeiten waren bekanntlich nicht „nur“ auf die Tirarsi-Partien begrenzt! Dass Bach Reiche die exklusiven Blechbläserpartien quasi auf den Leib komponiert hatte, zeigte sich nach Reiches Tod neben den nachgewiesenen Umbesetzungen der Tirarsi-Kantaten in weiteren bemerkenswerten Besetzungsänderungen, die in einigen außerordentlich schwierigen Trompeten-Partien zu beobachten sind. In der Kantate „Herr Gott, dich loben alle wir“, BWV 130, Erstaufführung 29. September 1724, ist zur Wiederaufführung um 1735 anhand autographer Ergänzungsblätter, Schriftformen und Wasserzeichen feststellbar, dass eine Besetzungsänderung des nicht nur für die erste Trompete extrem anstrengenden dritten Satzes (Violine I/II und Viola statt Tromba I–III) vermutlich nach dem Tod Gottfried Reiches (6. Oktober 1734) stattfand. Auch die spektakuläre solistische Tromba-Partie (ohne naturtonfremde Töne) der Aria Nr.7 („Er ists, der ganz allein“) der Kantate „Gott fähret auf mit Jauchzen“, BWV 43, Erstaufführung am 30.5.1726, wurde zu einem späteren Zeitpunkt in der Violinenstimme nachgetragen – siehe Notenbeispiel ganz unten.
REICHES ÜBERRAGENDE BEDEUTUNG ALS BLECHBLÄSER
Die Thomaskantoren Johann Kuhnau (1660 – 1722) und Johann Sebastian Bach haben mit größter Wahrscheinlichkeit ihre Tirarsi-Partien für Gottfried Reiche komponiert, mit dem sie offenbar in schöpferischer Zusammenarbeit verbunden waren. Die Tirarsi-Kunst mit ihren wunderbar eindrücklichen und vielfältigen Solopartien sowie alle anderen „gewöhnlichen“ ersten Stimmen war unter den ausübenden Stadtpfeifern eindeutig die Aufgabe Gottfried Reiches. Dass ein anderer Stadtpfeifer diese Solostimmen gespielt hat ist unwahrscheinlich.
Etwa ein Jahrhundert vor Erfindung der Ventile haben J.Kuhnau und J.S.Bach gemeinsam mit ihrem überragenden Interpreten Gottfried Reiche einen einzigartigen Beitrag zur Erweiterung des Tonvorrates von Horn und Trompete geleistet. Dies ist Reiches eigentliche herausgehobene Bedeutung in der Geschichte der Blechblasinstrumente! Denn andere technischen Bemühungen um die Erweiterung des begrenzten Tonvorrates hatten nicht das „Glück“, einen derartig erstklassigen Komponisten zur Verfügung zu haben, wie es Reiche mit Bach geniessen konnte.
Die von Reiche gespielten Partien sind in den originalen Aufführungsmaterialien der Kantaten überliefert – das von Reiche verwendete Tirarsi-Instrumentarium leider nicht. Abgesehen von der literarischen Beschreibung Johann Kuhnaus
„… mit einer Trompete wolte imitieret haben … und wo sich … nach jetziger Invention eingerichtet ist / daß sie sich nach Art der Trombon (= Posaune) ziehen lässt…“ (siehe Johann Kuhnau: „Der musicalische Quack-Salber„, Dresden, 1700, S.82 f.) existiert keine weitere Beschreibung. Vermutlich waren Reiches spezielle Instrumente dessen persönliche „Hardware“ und wurde als Berufsgeheimnis streng geschützt. Das berühmte Ölgemälde bzw. der davon abgeleitete Kupferstich zeigen jedenfalls kein Tirarsi-Instrument.
Immerhin kann neben den Aufführungsmaterialien und der wöchentlichen Entstehungsgeschichte auf die beiden bzw. drei Abbildungen, die Gottfried Reiche zeigen, zurückgegriffen werden. Gewisse Rückschlüsse sind erlaubt.
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Die oben zu sehende Abbildung einer Figuralmusik in der Leipziger Thomaskirche aus dem Jahr 1710 zeigt mittig-links u.a. einen Hornisten, bei dem es sich vermutlich um Gottfried Reiche handelt, der das Schallstück seines Horns nach oben hält. Es kann darüber diskutiert werden, wie realitätsnah dieser Kupferstich ist. Im Kontrast zu den Trompetern im linken Vordergrund zeigt die Abbildung aber einen Hornisten und dieser Hornist hält das Schallstück seines Instrumentes nach oben, was nochmals festgehalten sein soll.
GOTTFRIED REICHES ENG GEWUNDENES INSTRUMENT

Dem kreisförmig gwundenen Instrument wurde in den vergangenen Jahrzehnten von der Forschung unterschiedliche Namen verliehen. Dr. Herbert Heyde, seinerzeit im Musikinstrumenten-Museum der Leipziger Universität, scheint die konkretesten und seriösesten Untersuchungen vorgenommen zu haben (Herbert Heyde, Das Instrument von Gottfried Reiche, in: Beiträge zur Bach-Forschung 6, 1988, S.96-109). Die Untersuchungen zeigten (unter der Voraussetzung, das Porträt sei im Maßstab 1:1 gemalt), dass es es sich auf Grund des Mundstücks und Schallstücks eher um eine Trompete als um ein Horn handelt – allerdings in überwiegend konischer Posthornmensur. Die Verzierungen des Schallstücks weisen darauf hin, dass es aus der Werkstatt Haas in Nürnberg stammt. Bemerkenswert ist das sehr massige Mundstück, was den Klang fixiert und die Ansprache verbessert. Die Untersuchen zeigen also vom Instrumententyp her kein klares Bild sondern eher eine individuelle Lösung, die sich in unsere heutige, eher strenge Normierung nicht einfügen lässt.
Das abgebildete Notenblatt zeigt eindeutig keine besonderen Tirarsi-Töne, Gottfried Reiche aber als „hoch“qualifizierten Clarinbläser, der er zweifellos war.
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BACHS UND REICHES ARBEITSPLATZ IN DER THOMASKIRCHE

Aus der Internetseite des Bach-Archiv Leipzig, abgerufen am 17.1.2024: https://jsbach.de/bachorte/kirche-st-thomas
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NICHT NUR TIRARSI-PARTIEN WURDEN NACH REICHES TOD UMBESETZT

