Gottfried Reiche


Ausschnitt einer Figuralaufführung in Leipzig, 1710, während des Thomaskantorats von Johann Kuhnau und damit 13 Jahre vor Dienstantritt von Johannn Sebastian Bach. Der abgebildete Hornist ist mutmaßlich Gottfried Reiche.

Kuhnau und Bach haben die Leipziger Tirarsi-Partien mit allergrößter Wahrscheinlichkeit für den Chef der Leipziger Stadtpfeiffer Gottfried Reiche (1667–1734) komponiert, mit denen sie offenbar in enger schöpferischer Zusammenarbeit verbunden waren. Reiche hat demnach beide Thomaskantoren mit den Möglichkeiten seiner einzigartigen Tirarsi-Instrumente inspiriert: in den Tirarsi-Partien konnte Reiche seine herausragende Kunst des Spiels im hohen Clarinregister beider Instrumente (Horn und Trompete) mit der Posaunenzugtechnik verbinden und somit die Nutzung des mittleren Registers dieser Instrumente ermöglicht. Ein Jahrhundert vor Erfindung der Ventile haben Kunhnau und Bach gemeinsam mit ihren überragenden Interpreten Gottfried Reiche einen einzigartigen Beitrag zur Erweiterung des Tonvorrates geleistet.

Vor allem durch die Kantaten Bachs hat Reiches Tirarsi-Kunst eine nachhaltige Wirkung bis in unsere Tage entfaltet, wodurch sie sich von Chromatisierungsversuchen anderer Trompeter (z.B. Johann Heinrich Cario in Hamburg) der damaligen Zeit unterscheidet: deren Bemühungen um die Erweiterung des arg begrenzten Tonvorrates hatten nicht das Glück, einen derartig erstklassigen Komponisten zur Verfügung zu haben, wie es Reiche es mit Bach geniessen konnte. Vor allem deshalb sind diese anderen Versuche in Vergessenheit geraten – mit Ausnahme sicherlich von Anton Weidinger, für dessen Klappentrompete später bekanntlich Joseph Hayden sein berühmtes Trompetenkonzert komponierte. Erst die Erfindung der Ventile um 1815 stellte dann den endgültigen Durchbruch dar. Fortan waren Trompete und Horn voll chromatisch nutzbar.

WIE SAH DAS CORNO DA TIRARSI AUS ?

Die von Reiche gespielte Musik ist in den Aufführungsmaterialien überliefert – das dafür verwendete Instrumentarium ist leider nicht erhalten. Es existiert keine Abbildung und auch keine Beschreibung. Unsere Rückschau ist deshalb ein bestmögliches Zusammentragen von Indizien, die zusammen ein ziemlich eindrückliches Bild ergeben, was aber nicht den Anspruch auf 100%-ige Gewissheit erheben kann.

Immerhin kann neben den Aufführungsmaterialien auf die beiden Abbildungen, die Gottfried Reiche zeigen, zurückgegriffen werden. Gewisse Rückschlüsse sind erlaubt.

Der oben zu sehende Kupferstich einer Figuralmusik in der Leipziger Thomaskirche aus dem Jahr 1710 zeigt mittig u.a. einen Hornisiten, bei dem es sich vermutlich um Gottfried Reiche handelt und der sein Horn mit dem Schallstück nach oben hält.

Meine Rekonstruktion des Corno da Tirarsi fogt diesem Instrumententyp, der tendenziell wohl überwiegend konisch konstruiert war und damit auch tendentiell hornartiger klang als die Trompeten. Ich habe mich bewußt NICHT dafür entschieden das berühmte gewundene, eher trompetenartige Instrument auf dem bekannten Ölgemälde von 1727 als Vorlage für meine Rekonstruktion eines Corno da Tirarsi zu nehmen.

GOTTFRIED REICHES „JÄGERTROMPETE“

Die Abbildung dieses hornartig gewundenen Trompeteninstrumentes, welches Reiche in seinen Händen hält, wird in Fachkreisen diskutiert. Die Abbildung des dargestellten Instrumentes war und ist Vorlage für viele mehr oder weniger ernsthafte Rekonstruktionsversuche – darunter auch die Version, die von Frank Syhre (Leipzig 1985 – siehe Foto weiter unten) unter Mitarbeit von Herbert Heyde entstand. Der von der Firma EGGER (Basel) entwickelte und als „Reichehorn“ bezeichnete teilweise Nachbau wurde mit einem zusätzlichen Einzelzug kombiniert – wie es Olivier Picon 2010 in seiner Diplomarbeit beschrieben hat.

Oben: Gottfried Reiche (1667 – 1734), Öl auf Leinwand, 67 x 82,5 cm, von Elias Gottlob Haußmann 1727, zum 60. Geburtstag von Gottfried Reiche, gemalt. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

Das Instrument steht – so zeigen es Untersuchungen – in der Grundstimmung in D = 415 Hertz und scheint überwiegend zylindrisch gebaut gewesen zu sein. Daher handelte es sich eher um eine Trompete als um ein Horn. Bemerkenswert ist auch das sehr massive und große Mundstück (was den Klang fixiert und die Ansprache verbessert) sowie das abgebildete Notenblatt, welches eindeutig keine besonderen Tirarsi-Töne zeigt, Gottfried Reiche aber als „hoch“qualifizierten Clarinbläser ausweist, der er zweifellos war.

In Bachs Denkschrift „Kurtzer; iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music „vom 23. August 1730 wird Gottfried Reiche als
1. Trompeter ausdrücklich von Bach gewürdigt. Es ist davon auszugehen, dass Gottfried Reiche als „Stadtpfeiffersenior“ derjenige Stadtpfeiffer war, der alle ersten Stimmen und somit auch die in Betracht kommenden Kantaten mit mutmaßlicher Beteiligung einer „Tromba da Tirarsi“ bzw. eines „Corno da Tirarsi“ in den Aufführungen spielte.
Oben: Detailansicht des Instrumentes mit dem geradezu gigantischen, sehr massereichen Mundstück Gottfried Reiches.
Oben: Gottfried Reiche (auf der Postkarte – nach dem Ölgemälde der Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig von Elias Gottlob Haußmann, 1727) mit der Kopie der Jägertrompete (rechts unten: Nachbau von ca. 1995, Firma Syhre. Leipzig), die Reiche auf dem Ölbild in den Händen hält – sowie zwei originalen historischen Instrumenten (Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) ähnlicher Bausweise. Oben mittig: Jägerhorn von Valentin Springer um 1570/80; links oben: Jägertrompete, zwischen 1616 und 1668.
Das Foto oben zeigt das 1944/45 verschollene Trompeten-Instrument des Leipziger „Thomas Thürmers auf dem Thomaskirchhofe“, „Der Ehrenwohlgeachtete und Kunstreiche H. Heinrich Pfeifer, Musicus Instrumentalis und Posaunenmacher“ (1652 – 1719), welches sich ursprünglich in der Kirche in Carldfeld (Erzgebirge) befand. Im Katalog des Leipziger Musikinstrumentenmuseums wird es „Jägertrompete von Heinrich Pfeifer, Leipzig, 1697“ genannt.
Pfeifer ist derjenige Instrumentenbauer und ausübende Musiker, der Gottfried Reiche räumlich und zeitlich in dessen ersten 30 Dienstjahren im direktesten räumlichen Kontakt gestanden haben muß. Bemerkenswert an diesem Instrument ist neben der hornartigen Wicklung die Schallstückform, die eher an eine Altposaune erinnert. Und so ist folgerichtig in den Akten des Museums von einem posaunenartigen Klang die Rede; und davon, dass die Töne b1 und f2 (7. und 11. Naturton) relativ gut zu brauchbaren Tönen getrieben werden konnten. Das Instrument stand wohl in D = 415 Hertz.
Vieleicht schlummert es irgendwo in einem Tresor oder hängt über dem Kamin eines trompetenbesessenen Egomanen und taucht irgendwann wieder auf?
Oben: Nachbauversuch des Reiche-Instruments samt Mundstück, Leipzig um 1995, Friedbert Syhre in Zusammenarbeit mit Herbert Heyde – aus dem Besitz von Peter Damm, dem langjährigem Solohornist der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Aufgenommen im Herbst 2021 aus Anlaß der Recherchen zum Thema „Corno da Tirarsi“.
Oben: Jägerhorn, um 1570/80 von Valentin Springer. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Rüstkammer, Inventarnummer X 0476.

Es ist das älteste weltweit erhaltene Jagdhorn dieser Bauart. Beachtenswert ist die phantastisch ausgewogene und überaus wohlproportionierte Form. Es handelt sich um ein durchgängig konisches Instrument mit original erhaltenem Mundstück in Form der später etablierten trichterförmigen Waldhornmundstücke. Auffällig ist die ähnliche Bauweise dieses Jagdhorns mit dem Instrument von Gottfried Reiche, welches in seinem Grundkorpus, ca. 150 Jare später, möglicherweise auch die Vorlage für das „Corno da Tirarsi“ war.
„Jägertrummet“ Ausschnitt aus Michael Praetorius, (1571- 1621) Syntagma musicum, Bd.2, 1619
Oben: Jägertrompete, überwiegend zylindrisch, aus der Zeit von Heinrich Schütz. Der Hinweis „zwischen 1616 und 1668“ bezieht sich auf zwei überlieferte Inventarlisten, zwischen denen das Instrument irgendwann im 17. Jahrhundert in die Rüstkammer kam. Es entspricht dem bei Praetorius beschrieben „Jägertrummet“. Aus der Tradition dieses Instrumententyps stammt einige Jahrzehnte später das von Gottfried Reiche in ähnlicher Bauweise auf dem Gemälde gezeigte Instrument, das – kombiniert mit dem Doppelzug-Adapter – vielleicht als „Corno da Tirarsi“ angesprochen werden kann.
Johann Sebastian Bach 1746, mit Rätselkanon (Zweitversion des Ölgemäldes von Elias Gottlob Haußmann)[1]