aktuelle Tirarsi-Kantaten

für Advent, Weihnachten, Epiphanias und Mariä Lichtmess

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»Nun komm, der Heiden Heiland«

BWV 62, Kantate für den ersten Advent. Erstaufführung am 3.12.1724

Instrumentenname in den Quellen: „Corno :“ (Stimmentitel, Chr. G. Meißner)

Oben: „Corno“Stimme der Kantate »Nun komm, der Heiden Heiland«, BWV 62 vom 3.12.1724, aufgeschrieben von Christian Gottlob Meißner.

Diese solistische Hornstimme gehört zum zweiten, dem „Choralkantaten“-Jahrgang. Sie enthält die zusätzlichen Töne a1, h1 und cis 2, verdoppelt den Chorsopran, ist klingend notiert – im Unterscheid zu den immer stimmend (transponierend) notierten Horn- und Trompetenstimmen, die keine relevanten zusätzlichen Töne nutzen. Sie zählt demnach in den Bereich der Tirarsi-Partien.

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»Magnificat«

BWV 243a, Fassung in Es-Dur, Erstaufführung am 25.12.1723 (ev. bereits am 2.7.1723?)

Instrumentenname in den Quellen: „Tromba I“ (Partitur)

Oben: Partiturausschnitt (Autograph) aus dem „Magnificat“, BWV 243a, mit der im ersten System notierten Trombastimme der Nr. 10 „Suscepit Israel“.

Der renommierte Bach-Forscher Dr. Andreas Glöckner veröffentlichte 2003 in einem Aufsatz neue Überlegungen zur Entstehungsgeschichte (Bachs Es-Dur-Magnificat BWV 243a – eine genuine Weihnachtsmusik? In: Bach-Jahrbuch 89 (2003), S. 37–45.). Egal wann Bachs „Magnificat“ in Leipzig – ob am 2.7.1723 oder am 25.12.1723 – tatsächlich uraufgeführt wurde: die Erstfassung in Es-Dur des berühmten „Magnificat“ enthält in der Nr. 10 eine obligate Tirarsi-Stimme mit bemerkenswert lange klingenden zusätzlichen Tönen.

In der vermutlich nach dem Tod von Gottfried Reiche (6.10.1734) entstandene Zweitfassung in D-Dur ist diese Tirarsi-Partie nicht mehr in der Tromba-Stimme enthalten sondern wird von den Oboen gespielt. Dieser Befund ist identisch mit den nach Reiches Tod für Wiederaufführungen nachgewiesenen Umbesetzungen von Tirarsi-Partien der Kantaten BWV 8, 10, 27, 69a, 73, 89, 96 und BWV 137. Die ursprünglichen Tirarsi-Stimmen dieser Werke wanderten zur Oboe, Orgel oder zur Posaune, wurden weggelassen oder durch Stimmen ohne zusätzliche Töne ersetzt.

Neben den vielen nach Bachs Leipziger Amtsantritt neu komponierten Tirarsi-Partien bekamen einige Weimarer Kantaten (BWV 12, 70, 147, 162, 185 und vermutlich BWV 89) für Wiederaufführungen mit Gottfried Reiche in Leipzig zusätzliche, übrigens immer solistische Tirarsi-Stimmen. Dies zeigt, dass es vermutlich nur ein Ratsmusiker gewesen sein muß, der für diese hochspezialisierten Aufgaben J.S.Bach in Leipzig zur Verfügung stand. Weil es sich immer um Solopartien handelt ist es extrem unwahrscheinlich, dass ausgerechnet diese Partien NICHT vom Stadtpfeifersenior Gottfried Reiche gespielt worden sind – es muß „Chefsache“ für den Chef der Ratsmusiker gewesen sein.

In dieses Gesamtbild gehört auch der Fakt, dass J.S. Bach nach Reiches Tod keine Tirarsi-Stücke mehr komponierte. Die solistische Partie für Horn und Trompete in BWV 14 aus dem Jahr 1735 enthält jedenfalls keine Tirarsi-Töne und auch die im Parodieverfahren nach 1734 in den Oratorien für Weihnachten, Ostern und Himmelfahrt  (BWV 248, 249, 11) wiederverwendeten Werke sind frei von Tirarsi-Stimmen. Auch die Umarbeitung des ersten Teils des Eingangschores von BWV 46 als Qui tollis peccata mundi des Gloria seiner Missa von 1733 für die Dresdner Hofkapelle, die später in seine h-moll-Messe einging, erfolgte ohne ein Tirarsi-Instrument. Alle diese Indizien deuten überzeugend darauf hin, dass mit Gottfried Reiches Tod die Tirarsi-Kunst erloschen war

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»Unser Mund sei voll Lachens«

BWV 110, Kantate für den ersten Weihnachtsfeiertag, Erstaufführung am 25.12.1725, Wiederaufführung um 1728–1731.

Instrumentenname in den Quellen: „3 Trombe Tamburi“ (Kopftitel, autographe Partitur), „Tromb: 1“ (Stimmentitel,J.A.Kuhnau)

Oben: Zweite Seite der „Tromb: 1“-Partie der Kantate »Unser Mund sei voll Lachens«, BWV 110 vom 25.12.1725.

Die im Eingangschor mit drei Trompeten besetzte Kantate enthält in der originalen Stimme der ersten Trompete auf der zweiten Seite die obligate Partie der Aria Nr. 6, „Wacht auf, wacht auf“. Die solistische Tromba nutzt die Naturtonskale für signalhafte und melismatische Motive ohne zusätzliche Töne zu verlangen. Im Schlußchoral finden sich hingegen die zusätzlichen Töne cis 2 und h1, mit dem der Choral auch beginnt. Die Schreibweise des Schlußchorals weicht von den sonstigen Kantaten mit Tirarsi-Instrumenten ausnahmsweise ab: die Stimme ist nicht wie gewohnt klingend sondern stimmend, also transponierend (in D) notiert.

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»Darzu ist erschienen der Sohn Gottes«

BWV 40, Kantate für den zweiten Weihnachtsfeiertag, Erstaufführung am 26.12.1723

Instrumentenname in den Quellen: „Corno 1.“, „Corno 2.“ (Stimmentitel), „2 Corni“ (Titelumschlag der Stimmen, J.A.Kuhnau)

Oben: Stimme für „Corno 1.“ der Kantate »Darzu ist erschienen der Sohn Gottes«, BWV 40 vom 26.12.1723.

Die Kantate gehört zu J.S.Bachs legendärerem ersten Leipziger Weihnachtsfestkreis 1723/1724. Sie ist Bachs erste Leipziger Kantate, die zwei Hörner verlangt. Die separat auf zwei Stimmblättern notierten Partien enthalten keine relevanten zusätzlichen (Tirarsi-)Töne und sind typischerweise stimmend, also transponierend für Hörner in F notiert. Dadurch war für die Ausführenden sofort erkennbar, dass ob Stimme relevante zusätzliche Töne enthält oder nicht. Daraus ergab sich auch, dass, wie im Fall der beiden Hornstimmen, die Partien des Eingangschores und der Tenor-Aria Nr. 7 mit Naturinstrumenten ohne Spielhilfe gespielt werden können.

Erwartungsgemäß wurde nur in der ersten Stimme die Verdopplung des Chor-Sopranes in den drei Chorälen Nr. 3, 6 und 8 klingend notiert, wenn die Stimme zusätzliche Töne nutzte. Auch hier war durch die besondere Schreibweise sofort erkennbar, dass ein Tirarsi-Instrument verwendet werden muss. Hingegen wurde in den Chorälen die transponierende (= stimmende) Schreibweise in Horn (oder Trompeten)-Stimmen ohne relevante zusätzliche Töne verwendet, wie es beispielsweise ein Jahr darauf, am 25.12.1724 bei der Kantate für den 1. Weihnachtstag »Gelobet seist du, Jesu Christ«, BWV 91, der Fall war.

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»Ich freue mich in dir«

BWV 133, Kantate für den dritten Weihnachtsfeiertag, Erstaufführung am 27.12.1724

Instrumentenname in den Quellen: „Cornetto“ (Stimme), geschrieben von W.F. Bach – eigentlich für „Corno“ (da tirarsi)?

Oben: „Cornetto“-Stimme der Kantate »Ich freue mich in dir«, BWV 133 vom 27.12.1724, geschrieben von W.F.Bach.

Mehrere Argumente sprechen dafür, dass die von W.F.Bach geschriebene „Cornetto“-Stimme eigentlich eine Stimme für „Corno“ (da tirarsi) ist.

Die Partie taucht nur als Stimme auf und findet sich nicht in der Partitur und den Titelumschlägen. Sie kam offenbar erst im letzten Augenblick zu den übrigen Aufführungsmaterialien hinzu (siehe unten BWV 16). Sie entspricht damit den vielen solistischen Tirarsi-Stimmen, bei denen dieser Vorgang ebenfalls festgestellt wurde – es handelt sich um ein Phänomen, welches in Bachs Manuskripten ausschließlich für Tirarsi-Stimmen zu konstatieren ist.

Die vermeindliche „Cornetto“-Stimme wurde nicht als Teil der von Bach gelegentlich verwendeten Bläser-Familie eines Zinken und drei Posaunen konzipiert, wie es aus den Kantaten BWV 4, 23, 25, 28, 64, 68, 101, 135 (ev. auch BWV 21 und 38?) , bekannt ist („Cornett. … 3 Trombon“, „Cornett. 3 Trombon“ oder „Cornetto.“ + „Trombona 1, 2, 3“). Sie wäre mit einem solistischen „Cornetto“ singulär.

Alle Stimmen von BWV 133 wurden vom Hauptkopisten J.A. Kuhnau geschrieben. Lediglich die vermeintliche „Cornetto“-Stimme schrieb W.F. Bach, der ansonsten keinerlei Stimmen für Blechblasinstrumente kopierte; also über keine Erfahrungen verfügte. Zu vermuten ist, dass die Stimme unter großer Zeitnot kurz vor der Aufführung notiert wurde und dabei von W.F.Bach offenbar der Name „Cornetto“ mit „Corno“ verwechselt wurde.

Die Stimme erscheint auch nicht für Zinken oft verwendeten Chorton sondern ist tirarsi-typisch in Klangnotation aufgeschrieben, was als ein weiteres Indiz gewertet werden kann. In bis zu 55 Kantaten mit Tirarsi-Instrumenten ist dies die gängige Praxis gewesen.

Das künstlerische Konzept des Einsatzes der solistischen Tirarsi-Instrumente in den klingend notierten Chorälen war es, den Chor-Sopran in den großen und halligen Räumen der Thomas- und Nikolaikirche anzuführen, zu stützen und zu färben. Auch dieser Fakt ist Teil der Indizienkette, die in Summe aller ihrer Teile stark dafür spricht, dass es sich offenbar um eine Hornstimme handelt.

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»Herr Gott, dich loben wir«

BWV 16, Kantate für den Neujahrstag, Erstaufführung am 1.1.1726

Instrumentenname in den Quellen: „Corno“ (Stimme, J.S. Bach); wohl ursprünglich „Corne“; „da Caccia“-Nachtrag vermutlich später hinzugefügt

Oben: „Corno da caccia“-Stimme der Kantate »Herr Gott, dich loben wir«, BWV 16 vom 1.1.1726

Die Hornpartie taucht weder in der Partitur, noch auf den Umschlägen auf, existiert allerdings als Stimme aus der Hand von J.S.Bach. Selbst die obligate Hornpartie in der Aria Nr. 3. findet sich nicht in der Partitur. Die Stimme kam offenbar erst im kurz vor der Aufführung hinzu. Dieses Phänomen ist momentan unerklärlich und findet sich in Bachs Manuskripten interessanterweise ausschließlich bei Tirarsi-Parien. Weil die solistischen Tirarsi-Partien „Chefsache“ des wichtigsten und renommiertesten Ratsmusikers, des Stadtpfeiferseniors Gottfried Reiche waren (war sonst?), liegt es nahe, dass diese Unklarheiten eng mit dem leider lückenhaften Kenntnisstand zur Person Gottfried Reiches und dessen Verhältnisses zu J.S.Bach verbunden ist.

Im Eingangs- und Schlußchoral übernimmt das Horn auf Grund typischer (=zusätzlicher) Tirarsi-Töne die Verdoppelung des Chor-Soprans. In der obligaten Aria hielt sich Bach jedoch (abgesehen von einem in einer Sechzehntelpassage unproblematisch versteckten h1 im Takt 14) streng an die auf jedem Blechblasinstrument vorhandenen Naturtonreihe.

Der Zusatz „da Caccia“ zum Instrumentennamen „Corne“ beweist, dass es sich eindeutig um eine Hornstimme handelt. In anderen Partien in Bachs Leipziger Werken war der Begriff „Corne“ Anlaß für Spekulationen, hier sein ein Corne(tto) = Zink gemeint, was aber durch den modischen „da Caccia“-Zusatz als haltlos bezeichnet werden kann.

Kein anderes Instrument wurde im Werk von Bach mit so vielen differenzierten und abgekürzten Namen bezeichnet wie die Horn-Instrumente. Mit „Corno“, „Corno.“, „Corne“, „Corne.“, „Cornio“, „Corn.“, „Cornu“, „Corno da Caccia“, „Cornu da caccia“, „Corne da Caccia“, „Corno per force“, „Corno. par force, „Lituus“ (BWV 118), „Clarino“ (sic – siehe BWV 24, 167 und 185), „Cornu du chass“, „Corne de Chasse“, „Litui“ (BWV 118) und „Corno da Tirarsi“ scheinen die Horn-Bezeichnungen im Werk von J.S. Bach keine erkennbare Systematik zu haben. In manchen Horn-Partien gibt es sogar mehrere verschiedene Bezeichnungen, z.B. in BWV 105 („Corno“, „Corno.“ und „Corn.“; in BWV 1 („2.Corn.“, „Corno 1.“ und „Corno 2.“; in BWV 52 („Corni“, „Corne“ und „Corne.“), in BWV 100 („Corno da Caccia“, „Cornu.“ und „Corne“); in BWV 79 („Corn.“, „Corno“); BWV 65 („2 Core du Chasse“ und „2 Cor.“) oder in der h-moll-Messe BWV 232 („Core da Caccia“, „Corno da Caccia“ und „Corne du Chasse“). Alle diese Horn-Bezeichnungen meinen niemals einen Zink (Cornetto, Cornett.), weil der Name für dieses Instrument offenbar bewußt nie gekürzt sondern immer ausgeschrieben wurde.

Die einzig erkennbare Systematik in der Bezeichnung der Horn-Instrumente leitet sich durch die von Bach autorisierten Tirarsi-Stimmen (BWV 5, 20, 46, 67 und 162) ab. Die erstaunlich umfangreiche „Grauzone“ weiterer mutmaßlicher Tirarsi-Stimmen vereinen die folgenden grundlegenden Kriterien: es handelt immer um Solostimmen (singulär ist BWV 43 mit drei Tirarsi-Stimmen im Schlußchoral), sie enthalten zusätzliche Töne, wurden in den Chorälen zur Verstärkung und klanglichen Färbung des Chor-Soprans verwendet und zu 99% dort klingend notiert (im Gegensatz zu allen zwei- , drei- oder vierfach besetzten „normalen“ Horn- und Trompetenpartien, die ohne zusätzliche Töne auskommen und immer transponierend notiert wurden), in Leipzig nur zu Lebzeiten des Stadtpfeiferseniors Gottfried Reiches offenbar als dessen „Chefsache“ aufgeführt und bei Wiederaufführungen der Kantaten nach dessen Tod notgedrungen umbesetzt.

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»Sie werden aus Saba alle kommen«

BWV 65, Kantate zum Epiphaniasfest, Erstaufführung am 6.1.1724

Instrumentenname in der autographen Partitur: „2 Core du Chasse“ (Kopftitel) „2 Cor.“, „Corni“ (keine Stimmen erhalten)

Oben: Erste Partitur-Seite der Kantate »Sie werden aus Saba alle kommen«, BWV 65 vom 6.1.1724 mit der Bezeichnung „2 Core du Chasse“ im Kopftitel.

Leider ist von dieser Kantate kein originales Stimmenmaterial überliefert. Vermutet werden kann jedoch, dass auch BWV 65 in der ersten Stimme in den Chorälen Nr. 2 und Nr. 7 eine klingend notierte Tirarsi-Partie zur Verdoppelung des Chor-Soprans enthielt, wie es aus den ebenfalls mit zwei Hörnern besetzten Kantaten BWV 40 und BWV 83 und vielen weiteren Tirarsi-Kantaten bekannt ist, die nicht nur in Weihnachtszeit 1723/24 sondern seit der Bewerbungskante vom 7.2.1723 an bis zum Tode Gottfried Reiches 1734 aufgeführt wurden.

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»Meinen Jesum laß ich nicht«

BWV 124, Kantate zum ersten Sonntag nach Epiphanias, Erstaufführung am 7.1.1725

Instrumentenname in den Quellen: „Corno“ (J.S.Bach) – eine nicht datierbare Wiederaufführung, vermutlich nach 1750, führte zur Umbesetzung: „Tromba da tirarsi“

Oben: Autographe „Corno“-Stimme der Kantate »Meinen Jesum laß ich nicht«, BWV 124 vom 7.1.1725.

Der Nachtrag „Tromba da tirarsi“ stammt von einer nicht datierbaren Wiederaufführung; vermutlich aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Umbesetzung zur Tromba da tirarsi statt Corno zeigt klar, dass zum Spiel dieser Stimme ein Tirarsi-Instrument unerläßlich war und dass – weit nach Gottfried Reiches Tod – die Tirarsi-Kunst auf einem Horninstrument offenbar nach Reiches Tod erloschen war. Für Bach war das Horn die erste Wahl

Auch diese Tirarsi-Stimme verdoppelt mit zusätzlichen Tönen in der selbst für Bach seltenen Tonart E-Dur den Chor-Sopran und ist erwartbar klingend notiert.

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»Ach Gott, wie manches Herzeleid«

BWV 3, Kantate zum zweiten Sonntag nach Epiphanias, Erstaufführung am 14.1.1725

Instrumentenname in den Quellen: „Corno“

Oben: Gemeinsame, also von einem Ratsmusiker (Stadtpfeifersenior Gottfried Reiche – wer sonst?) nacheinander gespielte Stimme für „Trombona“ (Nr. 1) und „Corno.“ im Schlußchoral der Kantate »Ach Gott, wie manches Herzeleid«, BWV 3 vom 14.1.1725.

Diese Stimme für Posaune und Horn ist neben den Stimmen für Horn und Trompete in BWV 14 und 128, Horn und Zink in BWV 68 einer der Beweise für die differenzierte Verwendung der Blechblasinstrumente durch J.S. Bach. Sie ist Zeugnis für dessen hoch entwickelte Instrumentierungskunst. Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, in heutigen Aufführungen gewissenhaft Bachs Besetzungsanweisungen zu folgen.

Bach hat diese Instrumente ausdrücklich verlangt – er hatte seine Gründe die es zu respektieren gilt. Hornpartien absurderweise mit Trompeten zu ersetzen, wie es leider oft aus Gleichgültigkeit, Unkenntnis, Ignoranz gegenüber Bachs Besetzungsanweisungen oder finanziellen Gründen praktiziert wird, verbietet sich also genau so, wie beispielsweise eine Flöte durch eine Violine oder eine Trompete durch eine Oboe ersetzen zu wollen. Nur „höhere Gewalt“ sollte ein Grund für derartig wilkürliche Umbesetzungen sein.

Auch die oft anzutreffende Gewohnheit, auf die die Chor-Sänger verdoppelnden und somit den Klang färbenden Instrumente zu verzichten sollte eigentlich der Vergangenheit angehören.

Und: Die nach Gottfried Reiches Tod erfolgten Umbesetzungen der Tirarsi-Partien waren für Bach vermutlich nur eine Notlösung. Die von Bach aus guten Gründen konzipierte ursprüngliche Fassung ist allen Notlösungen also vorzuziehen.

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»Herr, wie du willt, so schicks mit mir«

BWV 73, Kantate zum dritten Sonntag nach Epiphanias, Erstaufführung am 23.1.1724

Instrumentenname in den Quellen: „Corno“ (Stimme, geschrieben von J.A. Kuhnau)

Oben: „Corno“-Stimme der Kantate »Herr, wie du willt, so schicks mit mir«, BWV 73 vom 23.1.1724.

Diese Hornstimme zählt zu den Tirarsi-Partien für Tromba und Corno, von denen eine Stimme existiert, die aber weder in der Partitur, noch auf den Titelblättern genannt werden. Es handelt sich um ein Phänomen, welches bei keinem anderen Instrumenten in Bachs Manuskripten zu konstatieren ist.

Es scheint so, dass diese speziellen Stimmen immer erst im letzten Augenblick vor der Aufführung notiert wurden. Vermutlich hängt es mit der Stellung und dem Renommee des Stadtpfeifersenior Gottfried Reiche zusammen, der mit allergrößter Wahrscheinlichkeit diese außerordentlichen Solostimmen gespielt hatte.

Die Horn-Stimme ist anspruchsvoll aber lediglich in den drei letzten Takten des Eingangschores obligat. Ansonsten verdoppelt sie den Chor-Sopran und die 1. Violine. Die „Färbung“ des Gesamtklanges durch das Horn ist unverzichtbar. Wer heutige Aufführungen mit einem Corno da tirarsi in der Leipziger Thomaskirche erlebt hat kommt auf Grund dieses Effektes zu keinem anderen Entscheidung, als eine Aufführung dieser und aller anderen Tirarsi-Kantaten mit einem solchen Instrument zu besetzten.

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»Wär Gott nicht mit uns diese Zeit«

BWV 14 (KEINE TIRARSI-KANTATE!) – nachkomponiert zum Choralkantaten-Jahrgang für den vierten Sonntag nach Epiphanias, Erstaufführung am 30.1.1735

Instrumentennamen in den Quellen: „Corne“, Nachtrag:„par force.“ – beides von J.S.Bach; „Corne da Caccia“ (Titelumschlag zu den Stimmen – anonymer Schreiber); „Corne da Caccia“ – Titelumschlag (Partitur; J.S.Bach); Corne e due Oboe in unisono“ (Eingangschor, erste Zeile), „Tromba“

Oben: erste Seite der autographen Stimme für „Corne“ („par Force“ – Nachtrag) der Kantate »Wär Gott nicht mit uns diese Zeit«, BWV 14 vom 30.1.1735.

Die Kantate entstand 1735 nach dem Tod des Stadtpfeifer-Senior Gottfried Reiche (er starb im Oktober 1734) und wurde von dessen Nachfolger Ulrich Heinrich Ruhte gespielt, der offenbar keine Tirarsi-Stimmen spielen konnte. Die gemeinsame Stimme für Corne und Tromba enthält jedenfalls keine besonderen zusätzlichen Töne. Folgerichtig wurde die den Chor-Sopran verdoppelnde Corne-Stimme nicht tirarsi-typisch klingend, sondern durchgängig transponierend notiert. Wie zu erwarten ist wurde auch die obligate Partie in der Arie (Tromba) stimmend notiert.

Bach versäumte es offenbar den in der Partitur angezeigten Wechsel in der obligaten Arie vom Horn zur Trompete in die Stimme einzutragen. Der Wechsel zurück von der Trompete zum Horn ergibt sich aus dem Eintrag „Corne ex F“ (siehe unten auf der zweiten Seite der Stimme).

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»Erfreute Zeit im neuen Bunde«

BWV 83, Kantate für das Fest Mariae Reinigung, Erstaufführung am 2.2.1724, Wiederaufführung 2. Februar 1727

Instrumentenname in den Quellen: „2 Corni“ (Stimmenumschlag),“Corno I.“ und „Corno 2.“ (Stimmen) geschrieben von J.A. Kuhnau)

Oben: Zweite Seite der Stimme für „Corno I.“ der Kantate »Erfreute Zeit im neuen Bunde«, BWV 83 vom 2.2.1724.

Nach BWV 40 und BWV 65 ist BWV 83 die dritte mit zwei Hörnern von Bach in Leipzig aufgeführte Kantate. Die Kantate wurde von Bach für das Ende der Weihnachtszeit, Mariae Lichtmess (Mariae Reinigung) komponiert.

Wie in BWV 40 (und vermutlich auch in BWV 65 – es existieren davon leider keine Stimmen) verlangt sie ein solistisches Corno (da tirarsi) in den Chorälen – in BWV 83 im Schlußchoral Nr. 5. Auch diese Stimme ist auf Grund der zusätzlich geforderten Töne tirarsi-typisch vom Hauptkopoisten klingend notiert worden – und der Eingangschor stimmend (für Hörner in F), weil keine relevanten zusätzlichen Töne gefordert werden. Die beiden cis 2 in Takt 73 der ersten Hornstimme und das dis2 in Takt 83 der zweiten Hornstimme des Eingangschores sind auf Grund der kurzen Zeit ihres Erklingens mittels der historisch verbürgten Treibtechnik kaschierter und deshalb zu vernachlässigen.

Der Schlußchoral beginnt für das solistische Horn bereits mit einem d1, und enthält außerdem die zusätzlichen Töne cis1, f1, a1 und h1, was angesichts der relativ langen Zeit des Erklingens, der klanglichen Gesamtsituation sowie des naturtonfremden allerersten Tones d1 ohne eine Spielhilfe (auf Grund der anatomischen Begrenzung der geforderten Zuglänge kann es nur ein Doppelzug gewesen sein) zu damaliger Zeit offenbar unmöglich spielbar war.

Bach scheint es wichtig gewesen zu sein, dass derartige Partien in einwandfreier Naturtonqualität gespielt worden sind – sonst hätte er nicht gelegentlich Stimmen dieser Art mit dem Zusatz „da tirarsi“ (= zum ziehen) versehen. Weil alle „offiziellen“, ausschließlich von J.S.Bach (!) notierten Tirarsi-Bezeichnungen (BWV 5, 20, 46, 67, 162) identische Merkmale aufweisen (= klingend notierte naturtonfremde Töne in solistischen Partien für Trompete oder Horn zu Lebzeiten Gottfried Reiches), kann die erstaunlich große „Grauzone“ der von Bach nicht mit „da tirarsi“ beschrittenen Partien (gesamt ca. 55) der Gruppe der „offiziellen“ Tirarsi-Partien hinzugeordnet werden.