Instrumente

Wie könnten die Tirarsi-Instrumente ausgesehen haben?

Diese Frage kann nach ca. 300 Jahren nicht mehr eindeutig beantwortet werden. Allerdings läßt sich aus erhaltenen Instrumenten der Zeit, aus den umfangreichen Indizien, der Chronologie der Tirarsi-Literatur und den heutigen Praxiserfahrungen ein gewisses Bild zeichnen.

Zum Spiel der in den originalen Aufführungsmaterialien notierten zusätzlichen Töne (f, a, h, cis/des1, d1, dis/es1, f1, fis1, gis/as1, a1, h1, cis2, dis2/es2 und gis2 – sowie ais/b1, f/fis2, a2 und b2 = schiefe Naturtöne Nr. 7, 11, 13 und 14) ist eine Verlängerung der Rohrlänge um maximal drei Halbtöne notwendig. Die Verlängerung der Rohrlänge bewirkt eine Vertiefung der Naturtöne. Durch das Ausziehen eines entsprechenden Doppelzuges und durch kombinierte Nutzung mittels bestimmter Grundstimmungen sind alle zusätzlichen Töne in hoher Geschwindigkeit mit einwandfreier Intonation bequem spielbar. Die praktischen Erfahrungen zeigen, dass es außerdem hilfreich ist einen gewissen Spielraum zum Ziehen des Doppelzuges in entgegengesetzter Richtung zu haben. Die kürzeren Zugwege dieser Einschubtöne ermöglichen eine bessere Intonation, Virtuosität und Ausdruckskraft.

Vergleich zwischen EINZEL- und DOPPELZUG im Verhältnis zum Hornkorpus

Ausgangspunkt für die Rekonstruktion eines Corno da tirarsi ist die menschliche Anatomie. Die begrenzte Länge des menschlichen Armes und die deshalb limitierte Auszugslänge des Zuges brachten den renommierten Instrumentenxperten Dr. Herbert Heyde zu folgender Aussage:

Auf Grund der Rohrlänge ist beim Zughorn nur an einen Doppelzug zu denken
Herbert Heyde: „Instrumentenkundliches über Horn und Trompete bei Johann Sebastian Bach“ in Johann Sebastian Bachs historischer Ort, Bach Studien 10, Breitkopf und Härtel Musikverlag, Wiesbaden, 1991, S. 261.

Foto oben: mit einem EINZELZUG (links vom Hornkorpus, maximal ausgezogen + Mundstück) ist es nicht möglich, die nötige Vertiefung für die von Bach geforderten Töne zu realisieren – die Armlänge reicht nicht aus.
Mit einem DOPPELZUG (rechts dem Zollstock, maximal ausgezogen + Mundstück) ist die anatomische Begrenzung der Armlänge kein Problem. Bis zu drei Halbtöne können vertieft = ausgezogen und einige unreine Naturtöne als Einzugstöne korrigiert werden.
Foto: Christine Starke, Dresden.

Die Entscheidung für einen separaten Doppelzug-Adapter direkt am Mundrohr

Prinzipiell könnte der Doppelzug entweder in der Mitte oder am Mundrohr des Horninstrumentes angebracht werden. Bei historischen Inventionshörnern und Inventionstrompeten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten die Instrumentenhersteller die auszieh- und austauschbaren Doppelrohrsegmente (!) in der Mitte des Rohrverlaufes platziert.

Das von der Firma EGGER (Basel) rekonstruierte Corno da tirarsi (auf der Internetseite als „ReicheHorn mit Zugteil“ genannt) hat seinen Doppelzug, wie bei einer Posaune, zwischen Mundstück und Instrumentenkorpus. Der Korpus wurde nach dem Vorbild des legendären Reiche-Instruments nachgebaut. Dieser Lösung entspricht prinzipiell mein Rekonstruktionsversuch, wodurch mein Doppelzug-Adapter nicht nur für das Horn, sondern auch für die Trompete verwendet werden kann. Es sei betont: dies ist eine mögliche Variante; ein denkbarer Rekonstruktionsversuch. Wie die persönliche Hardware Gottfried Reiches tatsächlich ausgesehen hat ist unbekannt.

Wer könnte Reiches Tirarsi-Instrumente gebaut haben?

Wenn Reiches Instrumente irgendwann nach dessen Eintritt in die Leipziger Ratsmusik (ca. 1688) gebaut worden sind, so kommt aus Reiches unmittelbarem Umfeld zunächst Heinrich Pfeifer (1652 – 1719), Thürmer der Thomaskirche seit 1680, in Betracht: „Thomas Thürmer auf dem Thomaskirchhofe“ … „Der Ehrenwohlgeachtete und Kunstreiche H.Heinrich Pfeifer, Musicus Instrumentalis und Posaunenmacher“; der „Ehrbare und Kunstreiche H.Heinrich Pfeiffer, Trompet- und Posaunenmacher, auch E.E.Hochweisen Rathsbestallter Thürmer Zu St. Thomas alhier“ (Zitiert nach Herbert Heyde: „Trompeten Posaunen Tuben„, VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1980, S. 116 ff). Pfeifer war demnach befähigt Blechblasinstrumente und Posaunenzüge zu bauen – und er war selber ein erfahrener Blechbläser auf dem Turm der Thomaskirche und damit wenige Meter entfernt von Gottfried Reiche tätig – beide müssen sich gekannt haben. Es könnte also durchaus der Fall gewesen sein, dass Heinrich Pfeifer für Gottfried Reiche dessen Corno da tirarsi gebaut hat.

Oben: Foto der „Jägertrompete“, 1697, Heinrich Pfeiffer, vor 1945.

Das Instrument war bis 1944/45 im Bestand des Leipziger Musikinstrumentenmuseums und ist während der Kriegsauslagerung leider abhanden gekommen. Es existiert immerhin noch dieses Foto und einige Aktennotizen der gewundenen Trompete. Sie war demnach etwas weiter gewickelt als jenes Instrument, das Reiche auf dem berühmten Portrait um 1727 in den Händen hält. Überliefert ist u.a. der überwiegend zylindrische Rohrverlauf, das eher posaunenartige Schallstück und die Informationen, dass sich b1 und f2 (11. und 13. Naturton – beide unrein) zu brauchbaren Tönen treiben liessen. Bemerkenswert ist der aktenkundige Hinweis, dass der Klang eher einer Posaune glich, was ein Beleg für die Vielfalt der seinerzeit noch nicht genormten Klänge von Trompete, Horn und Posaune gewertet werden kann.

Die Trompete wurde für die Kirche in Carlsfeld im Erzgebirge von Heinrich Pfeifer in Leipzig hergestellt. Ob ein ähnliches Instrument die Vorlage für Reiches Tirarsi-Instrumente war kann nicht beantwortet werden. Pfeifer kommt aber als ausübender Thürmer und Instrumentenmacher als Hersteller eines Tirarsi-Instrumentes von Gottfried Reiche in die engere Auswahl.

Außer Heinrich Pfeifer kommt aus Reiches direktem Leipziger Umfeld zudem Johann Eichentopf (1678 – 1769) in Frage. Er wohnte, wie Gottfried Reiche, in der Stadtpfeiffer-Gasse. Als Nachbarn müssen sie sich gekannt haben. Von Eichentopf existiert heute noch ein Waldhorn in G im Musikinstrumentenmuseum Basel. Eichentopf ist heute vor allem bekannt als Holzblasinstrumentenbauer und wird mit der Oboe da caccia in Verbindung gebracht.

Auf dem berühmten Reiche-Porträt (Abbildung unten) von 1727 ist erkennbar, dass Gottfried Reiche offenbar ein Instrument aus der Haas-Werkstatt in Nürnberg in den Händen hält.

Überliefert ist weiterhin ein Besuch des russischen Zaren Peter in Leipzig am 31. Mai 1698. Die „Scheinertsche Compagnie“, spielte während der Mittagstafel mit Violinen, Oboen, französischen Schalteten, Trompeten, Kesselpauken und Waldhörnern auf (Arnold Schering, Musikgeschichte Leipzigs, Bd. 2: Von 1650 bis 1723, Leipzig 1926, S. 267). Es ist bemerkenswert, dass zu diesem Anlaß nicht die Stadtpfeiffer in Aktion traten! Christoph Stephan Scheinhardt war in jenen Jahren als freier Musikant („Bierfiedler“?) in Leipzig offenbar sehr erfolgreich. 1703 wurde er Türmer der Neukirche, ab 1714 in der Nikolaikirche. 1720 starb er mit 73 Jahren. Wie und ob tatsächlich „Waldhörner“ bei erwähnter hochoffiziellen Mittagstafel vor Zar Pater eingesetzt wurden ist nicht bekannt.

Halten wir fest: im Leipziger Musikleben tauchen um das Jahr 1700 „Waldhörner“ auf. Und es müssen sich der seinerzeit bereits anerkannte Ratsmusiker Gottfried Reiche und sein Konkurrent und freier Musiker Christoph Stephan Scheinhardt gekannt und zumindest beeinflusst haben (überliefert ist eine Beschwerde Scheinhardts gegen die Stadtpfeifer zwischen 1709 und 1712 im Stadtarchiv Leipzig, Archivaliensignatur: Stadtarchiv Leipzig, II. Sekt. S 793).

Welche Art von Horn-Instrumenten in Leipzig um 1720 im Gebrauch waren läßt sich nicht genau sagen. Nach aktuellem Stand der Forschung könnte davon ausgegangen werden, dass es womöglich Hörner in kleinerer Bauweise waren, die im Kontrast zu großwindigen französischen Hörnern standen. Diese Bauformen folgten generell noch der Tradition der bei Praetorius als „Jägertrompete“ genannten und gezeigten Instrumente. Es waren eher kleinwindig gewickelte, „handliche“ Hörner mit weniger konischen Anteilen im Rohrverlauf und kleineren Schallstücken, als es um 1750 allgemein üblich wurde.

Mehrere ähnlich gewundene Instrumente aus der Zeit vor und nach 1700 sind weltweit erhalten. Darunter zählt z.B. das Instrument von Georg Friedrich Steinmetz, gebaut in Nürnberg nach 1693. Es liegt im America´s National Music Museum, The University of South Dakota, Vermilion, Inv.-Nr. 4013. Es ist eines von weitere bekannten Modellen jener Epoche, die (aus unserer heutige Perspektive) zwischen Horn und Trompete angesiedelt sind. Der Mundrohr-Beginn (Mundstückaufnahme) dieser Instrumente ist entweder hornartig enger oder trompetenähnlich weiter, die Mensur ist trompetenartig-zylindrisch oder hornähnlich konisch und der Schallbecher eher trompetenähnlich und gelegentlich sogar posaunenartig enger, oder hornähnlich weiter gebaut.

Das heutzutage bekannteste Instrument dieses Typs ist vermutlich jenes Instrument, welches Gottfried Reiche auf dem Portrait in den Händen hält. Aber das Porträt aus dem Jahr 1727 ist nicht die einzige Abbildung von Gottfried Reiche. Die nachfolgende Abbildung des Jahres 1710 zeigt möglicherweise Gottfried Reiche.

Abbildung oben: Ausschnitt einer Figuralaufführung in Leipzig, 1710. Der abgebildete Hornist ist mutmaßlich Gottfried Reiche. Er hält das Schallstück seines gewundenen Horns nach oben. Möglicherweise war diese Haltung des Instrumentes auch die Handhabung für das Corno da tirarsi.

Hörner waren im frühen 18. Jahrhundert noch nicht genormt

Deutlich zu erkennen ist, dass das Horn nach oben gehalten wird. Es zeigt noch nicht nach hinten oder auf die Seite, wie es nach 1750 zunehmend üblich wurde. Auch fällt auf, dass das Instrument durchgehend konisch dargestellt ist – also tendenziell hornartig.

Trotzdem war, wie oben erwähnt, die klangliche Differenzierung zwischen Trompete und Horn und Posaune (siehe Informationen zum Schallstück des Pfeiffer-Instrumentes oben) auch in Leipzig in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhundert vermutlich noch nicht streng genormt, wie wir es heute verstehen – was übrigens bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts parallel auch bei den Streichinstrumenten mindestens in Mitteldeutschland der Fall war (z.B. Basse de Violon, Viola da spalla). Das heutzutage vergleichweise „dunkel“ klingende Waldhorn und der Unterschied zur heller klingenden Trompete war sicherlich noch längst nicht manifestiert, was sich auch in differenzierten Schallstückgrößen, verschiedenen Instrumententypen oder in der Nutzung unterschiedlicher Mundstückformen zeigte. Weil in Deutschland im frühen 18. Jahrhundert die noch relativ neuartigen Hörner in Bauweise, Mensurverlauf (Anteil des konischen bzw. zylindrischen Rohre im Verhältnis zur Gesamtlänge) sowie der Verwendung von Mundstücken – und dementsprechend im Klang – noch nicht genormt waren, wie es bei den Trompeten spätestens seit dem 16. Jahrhundert der Fall war, konnte es für meinen Rekonstruktionsversuch nur eine individuelle Lösung geben.

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Foto oben: Jagd-Waldhörner mit Mundstückaufnahme für Trompetenmundstücke und überwiegend zylindrischem Rohrverlauf,
hergestellt von Friedrich Ehe (1669 – 1743), Nürnberg, 18. Jahrhundert. Privatbesitz.

Meine Tirarsi-Instrumente

Die originalen Ehe-Instrumente (siehe oberes Foto) mit originaler Mundstückaufnahme für ein Trompetenmundstück sind die Vorlage für meine Version eines Corno da tirarsi, dessen gegenüber dem Originalen etwas gekürzter Hornkorkorpus von Stephan Katte (Weimar) im Jahr 2018 in historischer Handwerkstechnik nachgebaut wurde. Die Firma Blechblasinstrumentebau EGGER in Basel fertigte mir dafür mehrere Doppelzug-Adapter, von denen sich während langer Praxiserfahrungen eine Variante als die praxistauglichste Version herausstellte. Einen weiteren Doppelzug baute Blechblasinstrumentenbaumeister Berthold Neumann, Dresden.

Mein Rekonstruktionsvorschlag des Corno da tirarsi basiert auf der grundsätzlichen Überlegung, dass sich ein Corno von einer Tromba klanglich unterscheidet. Ausgehend von diesen Überlegungen folgt meine Version der Abbildung der Leipziger Figuralaufführung von 1710 – einem Horn in deutlicher „Horn-Optik“ aber einem weit gebauten zylindrischen Mundrohr mit der Möglichkeit der Aufnahme von großen Trompeten-Mundstücken, was kleinere Trichtermundstücke bekanntlich nicht verhindert, weil sie mit Hilfe von Adaptern ebenfalls auf großen Mundrohren aufsetzbar sind. Bekanntlich gab es seinerzeit auch trompetenartige Kesselmundstücke, die einen hornartig-schmalen Schaft hatten.

Aus praktischen Erwägungen heraus und dem Rekonstruktionsversuch der Firma EGGER nachempfunden, entschied ich mich dafür, bei meinem Corno da tirarsi den Doppelzug-Adapter nicht in die Mitte des Instrumentes (ähnlich einem Inventionshorn), sondern unmittelbar nach dem Mundstück zu plazieren.

Meine Version einer rekonstruierten Tromba da tirarsi verfügt als teilrekonstruierte Riedel-Trompete von 1750 (Michael Münkwitz, Rostock, 1991) einen Grundkorpus + Schallstück, dem, ebenfalls nach dem Mundstück, ein Doppelzug vorgeschaltet ist.

MUNDSTÜCKE

Die Frage nach den verwendeten Mundstücken ist nicht seriös beantwortbar.

Mundstücke gehen generell schnell verloren. Sie wurden meist getrennt überliefert, was die Zuordnung zu erhaltenen Instrumenten enorm erschwert, wenn sie nicht an den Instrumenten festgelötet waren. Über die Frage der tatsächlich verwendeten Mundstücke hat die Fachwelt auch deshalb generell kein klares Urteil gefällt. Die Meinungen über den Zusammenhang von Mundstück und Instrument gehen zudem weit auseinander. Während z.B. Olivier Picon Mundstücke gegenüber Tonhöhe, Stimmung, Mechanik und Bauform als zweitrangiges Accessoire betrachtet (Picon, Basel 2010, S.14), spricht Don L. Smithers vom Mundstück als dem bedeutendsten Teil einer Trompete und anderer Blechblasinstrumente (Smithers, mündlicher Vortrag Musikinstrumentenbau-Symposium in Michaelstein, 1998). 

Auf dem Haußmann-Portrait, was Bachs Hornisten und Trompeter Gottfried Reiche zeigt, ist zumindest ein bemerkenswert massereiches und offenbar trompetenartiges Mundstück erkennbar, was womöglich eine verbesserte Ansprache förderte. Wie jedoch der Rand und der Kessel beschaffen war ist nicht verifizierbar. Ob Reiche ein solches Mundstück generell für alle seine Horn- und Trompetenmundstücke nutzte, ob er lange oder kürzere Mundstückschäfte bevorzugte oder ob er auch hornartige Trichtermundstücke spielte ? – es ist unbekannt. Und bekanntlich gab es auch trompetenartige Kesselmundstücke, die einen hornartig-schmalen Schaft hatten – „alles“ war möglich und alles Varianten sollten auch heute möglich sein. Denn wenn bereits die Klangästhetik zwischen Trompete und Horn breit aufgefächert und keinesfalls wie heute genormt war, so war dies bei den Mundstücken noch mehr der Fall. Die Situation war also differenziert und hing – wie heute – vom Geschmack der jeweiligen Spieler ab; vergleichbar vielleicht mit dem Fahrradfahren: abhängig von den Vorlieben, der Strecke, dem Wetter, der körperlichen Verfassung, vom Ehrgeiz, dem Gepäck und der Erfahrung, nutzten die Menschen entweder ein Klapprad, Tourenrad, Mountainbike, E-Bike, Lastenfahrrad usw.

Oben: Auswahl der von mir derzeit (Stand Frühjahr 2025) genutzten Mundstücke (von rechts nach links): 1.) Zink-Mundstück aus Tierhorn mit zinktypisch-schmalem Rand (gedrechselt von Gebhard David, Barcelona). 2.) Hornmundstück (für mein Barockhorn oder Corno da tirarsi) in barocker Trichterform mit engem Schaft und relativ schmalem Rand (Werkstadt Werner Christian Schmidt, Markneukirchen). 3.) Mundstück mit apfelförmigem Kessel, relativ scharfer Kante der Innenbohrung und des Randes sowie engem Schaft (mit schmalem Schaft für Barockhorn nutzbar – hier mit „handgeschnitzem“ Überzug aus Gummischlauch um es in ein Trompetenmundrohr bzw. in mein Corno da tirarsi einfügen zu können. Werkstadt Werner Christian Schmidt, Markneukirchen). 4.) Barocktrompeten-Mundstück (JOSEF KLIER GmbH & Co. KG, Diespeck). 5.) Massives Bull-Mundstück für Barocktrompete (Egger, Basel): Ganz links Nr. 6.) Extrem massives Mundstück; dem Reiche-Instrument das Hausmann-Portraits von ca. 1726 nachempfunden (Werkstadt Werner Christian Schmidt, Markneukirchen). Und: „Der Trend geht zum Zweitansatz“ – denn ich spiele die Zinken auf meiner linken Seite der Lippen, dagegen die Hörner und Trompeten in der Mitte. Mein Zink-Ansatz liegt so weit an der Seite, dass sich beide Ansatzstellen nicht überlappen. Foto: Christine Starke, Dresden.

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Das Foto oben ist in der Werkstatt von Stephan Katte, Weimar, im Jahr 2018 aufgenommen worden. Zu sehen ist der Rohling des späteren Schallstückrohrs meines „Corno da tirarsi“ (Stephan Katte nennt das Instrument ohne Doppelzug „Tromba da caccia“). Der noch tütenfirmige Schalltrichter samt Rohr wird hier soeben verlötet. Anschließend wurde das Schallstück erneut erhitzt und über einem eisernen Dorn in traditioneller Handwerkstechnik ausgehämmert und in Form gebracht.

Die Firma Blechblasinstrumentenbau EGGER (Basel) hat in Zusammenarbeit mit Olivier Picon und Gerd Friedel vor/um 2010 eine Version eines Corno da tirarsi entwickelt, dessen Grundkorpus tendenziell auf dem Instrument von Gottfried Reiche basiert, welches auf dem bekannten Gemälde von 1726 zu sehen ist. Identisch zu meiner Version (ich habe mich davon inspirieren lassen – so ist es korrekt formuliert) – beginnt nach dem Mundstück sofort das Zugteil und quasi dem Hornkorpus vorgeschaltet.

Die Firmen Norbert Neubauer (Nürnberg) und Engelbert Schmid (Mindelzell) bieten jeweils eine Version eines Corno da tirarsi an bei dem das Zugteil in der Mitte des Horncorpus montiert ist.

Unabhängig (!) von allen europäischen Bemühungen der letzten Jahrzehnte entwickelte der Trompeter und Hornist des Bach Collegium Japan, Toshio Shimada, in den 1990er Jahren seine eigene Rekonstruktionsvarianten eines Corno da tirarsi, die er, zusammen mit anderen Instrumenten (u.a. eine Klappentrompete, sowie mehrere Varianten von Zugtrompeten) auf seiner Internetseite zeigt.

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Foto oben: der Autor mit seinen beiden Horn-Instrumenten. Zu sehen ist das großwindige Barockhorn (Schallstückdurchmesser ca. 24,5 cm) mit trichterförmigen Hornmundstück. Das Horn verfügt über Aufsteckbögen („Kringel“) in C, D (beide basso), Es, F und G. Daneben der Rekonstruktionsversuch seines Corno da tirarsi (Schallstückdurchmesser ca. 18,5 cm), hier mit „hybriden“ Mundstück (= barockhornartiger, schmaler Schaft – aber mit Trompetenmundstück-Kessel, der sich in diesem Fall durch eine scharfen Übergang zwischen Kessel und Schaft auszeichnet), basierend auf ein Instrument mit originaler Trompeten-Mundstückaufnahme von Friedrich Ehe (um 1720). Es ist spielbar (mit und ohne Doppelzug bzw. Überblaslöchern) mit Aufsteckbögen in F und G (wie das großwindige Horn), zudem in A, Bb, C und D (beide alto). Der Doppelzug wurde von Blechblasinstrumentenbau Egger (Basel) gebaut. Beide Instrumente wurden in der Werkstatt von Stephan Katte in Weimar hergestellt. Prinzipiell sind beide Instrumente mit unterschiedlichen Mundstücken spielbar – egal ob hornartig-trichterförmige Kessel oder eher trompetenähnliche Mundstückformen. Als ausgebildeter Zinkspieler, Trompeter und Hornist verfügt der Autor über zwei täglich trainierte Ansatzpunkte: einen Seitenansatz für die Zinken und die „Mitte“ für Trompeten und Hörner.  Der Trend geht zum Zweitansatz :-).
Foto: Christine Starke, Dresden.
Oben: Meine Instrumente, die ich, wie ein Stadtpfeifer, wahllos nacheinander spielen kann, was letztlich nur eine Frage des Trainings, der Organisation, der Probenlogistik und des Urteilsvermögens (was funktioniert, was nicht?) ist. Von links nach rechts: 1.) Krummer Zink, Zypressenholz und 2.) Stiller Zink, Mehlbeere – beide gebaut von Serge Delmas, Paris. 3. Tromba da tirarsi (Grundkorpus: teilweise Nachbau einer Riedel-Trompete Michael Münkwitz, Rostock; Doppelzug von Blechblas-Instrumentenbau Egger GmbH, Basel) 4. Kopie einer Nagel-Trompete von ca. 1658, lochlos (Blechblas-Instrumentenbau Egger GmbH, Basel) 5. Kopie eines Barockhorns (Stephan Katte, Weimar) und ganz rechts, 6.: Rekonstruktion eines Corno da tirarsi (Korpus von Stephan Katte, Teil-Kopie eines Instrumentes von Friedrich Ehe, ca. 1720; Doppelzug von Blechblasinstrumentenbau EGGER, Basel).
Foto: Christine Starke, Dresden.